Von Delegationen und Vertrauen

Als Metaphora42 gestern schrieb:

…. Und wenn ich meine Stimme z.B. an den Tarzun delegiere, weil ich ihm vertraue und weil ich ihm zutraue, dass er im Bereich Satzungsänderungskleinscheiß die richtigen Entscheidungen trifft, möchte ich nicht, dass Tarzun meine Stimme an FaulerSack delegiert, der sie wiederum aus Bequemlichkeit an Vollpfosten weitergibt. Ich würde im Normalfall nichtmal merken, wo meine Stimme gelandet ist – ich delegiere ja genau aus dem Grund: Weil ich mich um den Themenbereich Satzungsänderungskleinscheiß nie mehr kümmern müssen möchte ….

fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Da liegen mal wieder ein bis zwei Missverständnisse in der Gegend rum und alle, die schon so lange dabei sind, sehen sie nicht mehr, bis eins drüber stolpert.
Danke fürs Stolpern, ich versuch die Dinger mal wegzuräumen.

Was du machst, oder besser was du in deinem Beispiel Vertrauen nennst ist etwas anderes. Irgendwas mit Erwartungshaltung oder Projektion oder so. Denn du vertraust dem Tarzun nicht sondern du erwartest eine ganz bestimmte Entscheidung von ihm. Und du schließt bestimmte andere Entscheidungen von vornherein aus. Würdest du ihm vertrauen, dann würdest du davon ausgehen, dass seine Entscheidung eure beiden Stimmen an FaulerSack zu delegieren, die richtige Entscheidung ist. Weil du ihm vertraust.
So ist das mit dem Vertrauen: Es ist bedingungslos. Wird es enttäuscht, dann wirst du es ihm entziehen. Aber bis dahin ist es bedingungslos. Auch im LiquidFeedback.
Du sagst, du delegierst, weil du dich nicht mit dem Thema befassen willst. Macht Sinn. Muss nicht jede alles machen schon gar nicht Satzungsänderung oder Dschungelreiseplanung. Darum entschließt du dich, die Reiseplanung komplett an Tarzun zu delegieren.
Weil: Der kennt sich aus mit Dschungel, und mit Reisen auch.
Zum Zeitpunkt X, an dem du deine Delegation vergibst, existiert eine Menge von Entscheidungsoptionen A. Diese Menge A entspricht der Menge an Entscheidungen, die deinem Willen entsprechen, basierend auf deinem Kentnisstand zum Zeitpunkt X: In Sachen Dschungelreise kommt für dich nur der Sommer als Reisezeit in Frage und wandern wäre nett. Auch willst du niemals mehr als 10 Leute um dich haben. In dieser Menge A liegen sowohl die inhaltlichen Optionen als auch die in deinen Augen richtigen Entscheidungen in Sachen Weitergabe deiner Delegation. Daneben gibt es eine Menge von Entscheidungsoptionen B die in deinen Augen falsch sind. Auf keinen Fall soll die Reise im Winter stattfinden, Schiffe konntest du noch nie leiden, Reisegruppen > 10 Leute sind furchtbar und Delegationen sind insbesondere wenn die Delegationsempfänger Tiernamen tragen inakzeptabel.

Und genau da lungert das erste Missverständnis rum.
Du delegierst nicht auf Tarzun weil du ihm vertraust – du delegierst auf ihn, weil du erwartest, dass seine Entscheidungen irgendwo in Entscheidungsmenge A liegen und somit in deinem Sinne richtig sind.

Reminder:
Du sagst, du delegierst weil du dich nicht mit dem Thema befassen willst.
Nun tauchen aber im Diskussionsprozess ständig neue Informationen auf, die dazu führen, dass sich die Entscheidungsmengen immer wieder verändern.

Denn, und das ist das zweite Missverständnis:
Das Ding heißt nicht nur LiquidFeedback wegen der fließenden Stimmen, es heisst auch LiquidFeedback, weil sich die Inhalte im Rahmen der Diskussion ständig verändern können. Das bedeutet, dass die Entscheidungsoptionen am Ende der Diskussion nicht mehr deckungsgleich mit den Mengen A und B sind. Vielleicht hat sich nur die Größe von A und B verändert, vielleicht sind auch noch die Mengen C und D dazu gekommen.
So verdichten sich während Tarzuns Planung die Informationen, dass das Wetter im zu bereisenden Dschungel klimawandelbedingt im Sommer totaler Mist ist. Ganz zufällig lernt Tarzun ne Lady namens Jane Baloo kennen, die ein auf Dschungelreisen spezialisiertes Reisebüro hat. Tarzun delegiert die Reiseplanung auf Jane Baloo. Jane Baloo schlägt am Ende der Diskussionphase vor, im milden Frühling mit der gerade fertiggestellten Eisenbahn zu reisen. Die Waggons sind geräumig, alle Reisenden haben ein eigenes Abteil. Das spricht sich natürlich rum, und so kommt es, dass irgendwann alle auf Jane Baloo delegieren, weil: Die hat Ahnung, und ausserdem hat sie jetzt so viele Delegationen an der Backe, dass sie sich keine Fehler mehr erlauben kann. Es gibt aber nur Tickets für diejenigen, die für die Initiative stimmen.
Weil: Wer will schon mit Leuten verreisen, die das eigentlich nicht wollen?

Wenn ich dich richtig verstehe willst du, dass deine Delegation sofort unterbrochen wird, wenn dein Delegierter Tarzun eine Entscheidung trifft, die außerhalb der von dir für richtig gehaltenen Menge A liegt. Das ist schade. Weil du, indem du auf die Abgabe deiner Stimme in den Grenzen von Entscheidungsmenge A bestehst, die vielen neuen Informationen und den ganzen schönen Entwicklungsprozess ausklammerst. Aber das genau ist neben der Abstimmung doch der eigentliche Zweck von Liquidfeedback: Die Weiterentwicklung der Inhalte. Letztlich willst du, dass deine Entscheidung immer noch deinem Kentnisstand und deinem Willen zum Zeitpunkt X entspricht – und dies, obwohl die Diskussion tausend tolle neue Erkentnisse gebracht hat und der Stein der Weisen inzwischen wahrscheinlich irgendwo in der Entscheidungsmenge D rumliegt.

Das führt nun dazu, dass du an dieser frühlingshaften Eisenbahnreise durch den Dschungel nicht teilnehmen wirst, da sie im Sinne deiner Entscheidungsoption A nicht richtig ist. Sorry. Selbst Schuld.

Was ich damit sagen will: Delegation ist das bedingungslose Vertrauen darauf, dass der Delegationsempfäger in Zukunft so entscheiden wird wie du in Zukunft entscheiden würdest, auch wenn du jetzt noch keine Ahnung hast welche Entscheidungsoptionen die Zukunft birgt.

Wem das zu unsicher ist, der muss sich entweder selbst mit dem Thema befassen oder sich enthalten.