Keine Veränderung ohne Entscheidungen

von Katja Dathe

… und vor allem ich bin immer noch Mitglied in einer Partei die nicht aus‘m Arsch kommt. Beides ist nicht neu. Beides muss nicht so bleiben. Und weil ja bald Parteitag ist folgt nun mein Einsteiger in die SMV-Showdown-Woche.
Präambel sozusagen. Präambeln, da steht ihr ja drauf.
Aber von Vorne:
Spätestens seit dem 2010er Parteitag in Bingen wird den Piraten von der Systempresse, dem Universum und dem ganzen Rest vorgeworfen sie hätten kein, oder zumindest ein nicht sonderlich umfangreiches Programm. Das mag richtig sein, ist aber nicht die Ursache sondern nur eines von vielen Symptomen der, in meinen Augen schwerwiegendsten weil inzwischen lebensbedrohliche Ausmaße annehmenden Piratenkrankheit:
Die Entscheidungsunfähigkeit.
Keine Ahnung ob diese Entscheidungsunfähigkeit angeboren ist oder wir sie uns irgendwie irgendwo irgendwann eingefangen haben. Ist mir auch egal, ob es einen Patienten Nr. 1 gab, wer das ist und ob hier bösartige Interessen fremder Mächte im Spiel sind.
Fakt ist: Wir leiden an chronischer Entscheidungsunfähigkeit. Klar, jetzt wird die Meute wieder schreien: Das ist kein bug, das ist ein feature, die böse Gesellschaft will uns in ihre Normen pressen und gleichschalten. Kann ja sein, aber blöderweise haben wir uns entschlossen die Politik und damit auch die Normen dieser Gesellschaft zu verändern und das geht nun mal nur, in dem wir nach den Regeln dieser Gesellschaft spielen, zumindest so lange bis wir wissen welche dieser Regeln wir wie ändern wollen.

Und eine dieser Regeln ist: Keine Veränderung ohne Entscheidungen.

Wie bei vielen schwerwiegenden Krankheiten üblich, ignorieren wir die eigentliche Ursache, doktern tapfer an den Symptomen rum und versuchen zumindest die Schmerzen zu lindern. Besser Symptome bekämpfen als garnix tun. Machen wir also Programm. Anträge gibt’s ja genug, wir müssen sie nur noch beschließen. Ähm, aber welche? Und wie beschließen? Klar auf’m Parteitag. Vergesst es. Das wird nichts. Jedenfalls nicht in dem Umfang und der Qualität die wir zu liefern im Stande wären, würden wir uns entscheiden den in Bezug auf Zeit, Raum, Geld und Teilnehmerzahl engsten aller möglichen Flaschenhälse namens Parteitag kräftig zu weiten und so die oben erwähnten Spielregeln zumindest bis an die Grenzen ihrer Machbarkeit auszureizen. Tja. Würden wir uns entscheiden.
Und schon sind wir wieder bei: Entscheidungsunfähigkeit.
Sollten wir mal machen. Könnten wir auch machen. Müssten wir mal machen.
Wenn wir (uns) denn entscheiden wollten. Aber wollen wir (uns) entscheiden?
Ist es nicht viel gemütlicher die Tage und Nächte im Mumble, auf Mailinglisten, Twitter & Co. zu verbringen, um dort die Aufrechterhaltung des Konflikts mit allen Mitteln zu zelebrieren. Schön weiterdiskutieren, schön. Bis alle mitkommen. Egal wohin. Bloß nicht ausgrenzen. Bloß nicht konkret werden. Bloß nicht vorwärts kommen. Könnt ja schön werden. Klar, könnt auch schief gehen. Na und. Dann ziehen wir’s eben wieder grade. Wir sind ja schlau und wir sind viele und wir vertrauen einander weil wir wissen, dass wir eigentlich alle die selben Ziele haben.

Oh, wait. Woher wissen wir eigentlich, dass wir alle die selben Ziele haben?

Ich jedenfalls habe im Moment nicht die geringste Ahnung welche Ziele diese Partei hat. Ich bin nicht mehr in der Lage aus all dem Gezeter und Geschrei die vermeintlichen Mehrheiten herauszufühlen und ich bin es auch echt leid. Ich bin es leid, dass großartige Menschen mit großartigen Zielen und Visionen aus dieser Partei rausgemobbt werden und wir nichts, aber auch gar nichts dagegen tun können. Weil wir nicht in der Lage sind zu sagen wofür diese Partei steht. Weil wir nicht in der Lage sind Meinungsfreiheitsarschgeigen, Rechtsauslegern, Technokraten, Herrenrechtlern, Schreihälsen und Klugscheißern eine nachvollziehbare und verbindlich abgestimmte Mehrheitsposition um die Ohren zu hauen, die unmissverständlich klar macht:

Deine Position ist nicht unsere Position. Wir wollen nicht was du willst. Wir sind die Mehrheit. Du bist eine laute Nerv tötende destruktive Minderheit.

Können wir nicht. Weil wir keine Möglichkeit haben diese nachvollziehbare und verbindlich abgestimmte Mehrheitsposition herbeizuführen. Selbst wenn wir wollten. Wovon ich ausgehe um nicht noch den küchenpsychologischen Teil des Fasses Entscheidungsunfähigkeit aufmachen zu müssen. Ich bin mir sicher, auch der kommende Parteitag in Neumarkt wird weder an dieser Machtlosigkeit in Sachen Arschlochausgrenzung noch an der programmatischen Beliebigkeit etwas ändern. Es sei denn, wir entscheiden uns ebendort, dafür die Entscheidungsunfähigkeit als Ursache unseres Elends anzuerkennen und experimentell zu behandeln. Experimentell, weil die konventionelle Therapie von Entscheidungsunfähigkeit in Organisationen zu Hierarchiebildung und Delegiertensystem führt.

Das ist keine Heilung. Das ist Siechtum.

Es gibt das diese neumodische SMV-Therapie. Sie verspricht ständige, nachvollziehbare, verbindliche, LiquidDemokratische Online-Willensbildung und Entscheidungsfindung. Sie dringt in Galaxien vor die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter. Kann sein, dass wir bei diesem Experiment drauf gehen. Aber hey, wenn wir dieses Experiment nicht wagen, gehen wir auf jeden Fall drauf. Wir werden jämmerlich verrecken. Und woran? An Entscheidungsunfähigkeit.
Was’n schwacher Tod.
Wenn wir uns aber dafür entscheiden diese SMV-Therapie auszuprobieren – und zwar richtig. Volle Kanne. Ständig. Online. Verbindlich. Nachvollziehbar. LiquidDemokratisch – haben wir zumindest die Chance herauszufinden ob und wie sie wirkt, welche Nebenwirkungen sie hat und was sonst noch so alles passiert. Das bedeutet nicht, dass wir Symptombekämpfung und Schmerztherapie vernachlässigen oder abbrechen müssen. Das bedeutet aber sehr wohl, dass wir uns endlich bereit erklären uns als das zu begreifen, was wir sind. Irgendwas mit Politiklabor, Selbstversuch und Mäusen.
Der 11. Mai ist übrigens der 12te Todestag von Douglas Adams.
Ein schönes Datum um ein großartiges Experiment zu starten.
In diesem Sinne: Wir sehen uns in Neumarkt.

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